Aminosäuren beim Pferd: warum die Eiweißqualität zählt
Praktischer Guide für Pferdebesitzer in Österreich & Deutschland · Von Gerda Steinfellner, Ernährungswissenschafterin, mit Fachwissen von Dr. Mark Barnett (PhD)
Pferde brauchen keine möglichst hohe Rohprotein-Zahl, sondern Eiweiß mit allen zehn essenziellen Aminosäuren. Am häufigsten knapp sind Lysin, Methionin, Threonin und Leucin. Hanfprotein enthält alle essenziellen Aminosäuren, Lysin mit rund 3,7 g je 100 g Protein. Hempy Bio Hanfschrot hat 29,6 % Rohprotein. Ein Großpferd bekommt 50 bis 60 g am Tag, ein Pony 30 bis 40 g. Hanf ist ein Qualitätsbaustein und ersetzt kein gutes Heu.
Auf jedem Futtersack steht eine Prozentzahl für Rohprotein. Viele Pferdebesitzer greifen dann zur höchsten Zahl … und wundern sich, warum die Oberlinie trotzdem nicht kommt. Der Grund liegt in der Qualität des Eiweißes, also in den Aminosäuren.
Wir bei Hempy sind keine Tierärzte. Wir sind Anwender und Produzenten. Dieser Artikel baut auf einem Gastbeitrag des australischen Pferdeernährungsexperten Dr. Mark Barnett (PhD, MTB Equine Products & Services) auf. Gerda hat ihn als Ernährungswissenschafterin ergänzt, Dani füttert Hanfschrot im Stall in Hanfthal selbst.
Dieser Ratgeber ersetzt keine tierärztliche Diagnose. Bei Muskelerkrankungen wie PSSM, bei Nierenproblemen, bei Jungpferden im Wachstum oder bei laufender Medikamentengabe stimm die Eiweißversorgung mit deiner Tierärztin oder deinem Tierarzt ab.
- Qualität vor Menge: Entscheidend sind die essenziellen Aminosäuren, nicht die Rohprotein-Zahl.
- Lysin zuerst: Lysin ist beim Pferd meist am knappsten, danach kommen Methionin, Threonin und Leucin.
- Hanf als Baustein: 50 bis 60 g Hanfschrot am Tag ergänzen die Ration um hochwertiges Eiweiß.
Was Rohprotein wirklich misst
Eiweiß besteht aus Ketten von Aminosäuren. Jede Aminosäure enthält Stickstoff. Im Labor wird deshalb der Stickstoffgehalt eines Futters gemessen und daraus das Rohprotein errechnet.
Der Haken: In Futtermitteln steckt auch Stickstoff, der nicht aus Eiweiß stammt, sogenannter Nicht-Protein-Stickstoff. Wiederkäuer wie Rinder und Schafe können ihn über die Mikroben im Vormagen nutzen. Pferde können das nicht. Sie bauen Muskeln nur aus echten Aminosäuren auf. Harnstoff zum Beispiel, eine Stickstoffquelle im Rinderfutter, kann für Pferde sogar giftig sein.
Die Rohprotein-Zahl auf dem Sack sagt also nur grob, wie viel Eiweiß drin ist. Wie wertvoll dieses Eiweiß für dein Pferd ist, hängt von den Aminosäuren ab.
Die zehn essenziellen Aminosäuren
Das Eiweiß im Pferdemuskel besteht aus rund 20 Aminosäuren. Zehn davon kann das Pferd selbst bilden. Die anderen zehn sind essenziell: Sie müssen jeden Tag über das Futter kommen, weil der Körper Eiweiß nicht auf Vorrat speichert.
- Lysin: Baustein für Wachstum, Gewebe und Muskulatur
- Methionin: wichtig für Haut, Hufe und Fell
- Threonin: beteiligt an Kollagen und Bindegewebe
- Leucin, Isoleucin, Valin: die verzweigtkettigen Aminosäuren (BCAA), wichtig für Muskelstoffwechsel und Regeneration
- Arginin, Histidin, Phenylalanin, Tryptophan: beteiligt an Durchblutung, Blutbildung, Enzymen und Botenstoffen
Ein Futter mit vielen essenziellen und wenig nicht-essenziellen Aminosäuren gilt als hochwertige Eiweißquelle, auch wenn sein Rohproteingehalt gar nicht besonders hoch ist.
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Limitierend heißt: Diese Aminosäuren sind in üblichen Pferderationen am knappsten. Ist eine davon zu wenig vorhanden, kann das Pferd auch die übrigen Aminosäuren nicht voll verwerten. Der Rest wird ausgeschieden.
Lysin
Lysin ist beim Pferd die am stärksten limitierende Aminosäure und damit vielleicht die wichtigste im täglichen Futter. Getreide wie Hafer, Gerste oder Mais enthält eher wenig davon. Je besser die Lysinversorgung, desto mehr der übrigen Aminosäuren kann das Pferd für den Aufbau von Eiweiß nutzen.
Methionin und Threonin
Threonin spielt besonders bei Absetzern und Jährlingen eine große Rolle, Methionin bei erwachsenen Pferden, unter anderem für Haut, Hufe und Fell.
Leucin
Leucin gehört zu den verzweigtkettigen Aminosäuren und gibt im Körper das Startsignal für den Aufbau von Muskeleiweiß. Ohne genügend Leucin kommt der Muskelaufbau nicht in Gang.
Hanf als Eiweißquelle
Hanfprotein enthält alle zehn essenziellen Aminosäuren in einem ausgewogenen Verhältnis. Der Lysingehalt liegt bei rund 3,7 g je 100 g Protein, dazu kommt ein guter Anteil an Leucin. Im Vergleich zu vielen Getreidearten ist das Aminosäureprofil damit für Pferde besonders interessant.
- Hempy Bio Hanfschrot: 29,6 % Rohprotein, 41,8 % Rohfett, 7,6 % Rohfaser. Der feine Anteil aus der Schälung, eiweiß- und fettreich.
- Ganze Hanfsamen: 26,4 % Rohprotein, 28,4 % Rohfett, 20,7 % Rohfaser. Mit Schale, mehr Faser.
Zum Eiweiß bringt Hanf ungesättigte Fettsäuren mit Omega-3 und natürlich vorkommende Gamma-Linolensäure mit. Diese Kombination findest du in kaum einer anderen Eiweißquelle.
50 bis 60 g Hanfschrot liefern rund 15 bis 18 g Rohprotein. Das Gros des Eiweißes kommt beim Pferd immer aus dem Heu. Hanf verbessert die Qualität der Ration, die Menge kommt aus der Grundfütterung.
Wie viel Hanf? Die Fütterungstabelle
| Hanfschrot | Hanfsamen | |
|---|---|---|
| Anfüttern | 20–30 g, ca. 1 Woche | klein beginnen, über 4–6 Wochen steigern |
| Großpferd (ca. 600 kg) | 50–60 g | 50–60 g |
| Kleinpferd / Pony | 30–40 g | 20–30 g |
| Faustregel / Obergrenze | 10–20 g je 100 kg, max. 120 g je 100 kg | keine Angabe |
Welche Form zu deinem Pferd passt, liest du im Artikel Hanfschrot oder Hanfsamen fürs Pferd. Einen Überblick über alle Hanfprodukte findest du im Grundlagenartikel Futterhanf für Pferde.
In drei Schritten starten
- Ist-Stand prüfen: Pferdetyp, Arbeitspensum, Heuqualität und alle Eiweißquellen der Ration notieren.
- Hanf gezielt ergänzen: mit 20 bis 30 g Hanfschrot beginnen und in etwa einer Woche auf die Zielmenge steigern.
- Vier Wochen beobachten: einmal pro Woche Fell, Oberlinie, Verhalten und Kot notieren, am besten mit einem Foto bei gleichem Licht.
Checkliste: Eiweißqualität deiner Ration
- Liefert die Ration genug Lysin, Methionin, Threonin und Leucin?
- Kommt das Eiweiß aus hochwertigen Quellen und nicht vor allem aus Nicht-Protein-Stickstoff?
- Ist das Heu gut und in ausreichender Menge vorhanden?
- Fütterst du neue Komponenten nacheinander und langsam an?
- Trinkt dein Pferd genug, vor allem bei Mash und Schrot?
Häufige Fragen
Welche Aminosäuren sind für Pferde essenziell?
Für Pferde gelten zehn Aminosäuren als essenziell: Arginin, Histidin, Isoleucin, Leucin, Lysin, Methionin, Phenylalanin, Threonin, Tryptophan und Valin. Das Pferd kann sie nicht selbst bilden, sie müssen täglich über das Futter kommen.
Was sind limitierende Aminosäuren?
Limitierend sind Aminosäuren, die in üblichen Pferderationen am knappsten sind. Beim Pferd sind das vor allem Lysin, dazu Methionin, Threonin (besonders bei Jungpferden) und Leucin. Fehlt eine davon, kann das Pferd auch die übrigen Aminosäuren nicht voll nutzen.
Warum ist Rohprotein auf dem Etikett nicht alles?
Rohprotein wird über den Stickstoffgehalt berechnet. Darin steckt auch Stickstoff, der nicht aus Eiweiß stammt und den Pferde nicht für den Muskelaufbau nutzen können. Aussagekräftiger ist, wie viele essenzielle Aminosäuren ein Futter liefert.
Liefert Hanf alle essenziellen Aminosäuren?
Ja. Hanfprotein enthält alle zehn essenziellen Aminosäuren, darunter Lysin mit rund 3,7 g je 100 g Protein und Leucin.
Wie viel Eiweiß bringt Hanfschrot?
Hempy Bio Hanfschrot hat 29,6 % Rohprotein, ganze Hanfsamen 26,4 %. Die Tagesmenge von 50 bis 60 g Hanfschrot für ein Großpferd liefert damit rund 15 bis 18 g Rohprotein. Hanf ist ein Qualitätsbaustein und ersetzt kein gutes Heu.
Wie viel Hanfschrot bekommt ein Pferd?
Ein Großpferd (ca. 600 kg) bekommt 50 bis 60 g Hanfschrot am Tag, ein Pony 30 bis 40 g. Angefüttert wird mit 20 bis 30 g über etwa eine Woche.
Hilft Hanfprotein beim Muskelaufbau?
Muskeln entstehen durch Training und eine Ration, die alle essenziellen Aminosäuren in ausreichender Menge liefert. Hanfschrot kann dazu als Eiweißbaustein beitragen. Er ersetzt weder Bewegung noch eine ausgewogene Grundration.
Ist Hanfprotein für Jungpferde und Senioren geeignet?
Ja, in passender Menge. Bei Jungpferden haben Wachstum und Mineralstoffversorgung Vorrang, bei Senioren lohnt ein Blick auf die Zähne und darauf, wie gut das Pferd sein Futter verwertet. Im Zweifel stimm die Ration mit deiner Tierärztin oder einer Fütterungsberatung ab.
Kann ich Hanfschrot mit anderem Eiweißfutter kombinieren?
Ja. Rechne dann die gesamte Eiweißmenge der Ration zusammen und füge neue Komponenten nacheinander hinzu, damit du siehst, wie dein Pferd reagiert.
Quellen und weiterführende Literatur: Gastbeitrag Dr. Mark Barnett, PhD, MTB Equine Products & Services (mtbequine.com). Dr. Susanne Weyrauch: „Protein in der Pferdeernährung“.
Weiterlesen: Futterhanf für Pferde · Hanfschrot oder Hanfsamen im Vergleich · Futterhanf richtig füttern
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